Eine der wichtigsten Unterscheidungen in der Automatisierungstechnik verläuft zwischen Prozessautomatisierung und Stückgutfertigung. Die beiden Welten nutzen unterschiedliche Technik, folgen unterschiedlichen Entwurfsgrundsätzen und führen zu unterschiedlichen Berufswegen.
Prozessautomatisierung
Hier werden kontinuierliche Abläufe oder Chargenprozesse geführt, bei denen Rohstoffe chemisch, thermisch oder physikalisch verändert werden. Typische Branchen: Chemie, Pharma, Raffinerie, Wasserwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und Energieerzeugung.
Geregelt werden analoge Größen: Temperatur, Druck, Durchfluss, Füllstand, Zusammensetzung. Die Regelkreise arbeiten meist mit PID-Algorithmen. Am Ende steht ein kontinuierliches Produkt, das nach Masse oder Volumen gemessen wird.
Stückgutfertigung
Hier entstehen abzählbare Einzelteile. Typische Branchen: Fahrzeugbau, Elektronikfertigung, Verpackung, Werkzeugmaschinenbau und Konsumgüter.
Im Vordergrund stehen binäre Signale, Bewegungsführung und Ablaufsteuerung. Maschinen führen definierte Folgen aus: greifen, bearbeiten, montieren, prüfen, verpacken. Es zählen Taktzeit, Genauigkeit und Wiederholbarkeit.
Unterschiede in der Technik
Prozessautomatisierung:
- Prozessleitsysteme großer Anbieter für die Anlagenführung
- Steuerungen für Neben- und Versorgungsanlagen
- Analoge Messtechnik mit 4 bis 20 mA und HART
- Feldbusse wie PROFIBUS PA und Foundation Fieldbus
- Sicherheitseinrichtungen nach IEC 61511
- höherwertige Regelungsverfahren bis hin zu modellprädiktiver Regelung
Stückgutfertigung:
- Steuerungen als tragende Plattform, meist Siemens, Allen-Bradley, Mitsubishi oder Omron
- Servoantriebe und Bewegungssteuerungen für genaue Positionierung
- Industrieroboter für Handhabung und Bearbeitung
- Bildverarbeitung für Prüfung und Lageerkennung
- Industrial Ethernet wie PROFINET und EtherNet/IP
- Sicherheitsfunktionen in der Steuerung nach IEC 62061
Unterschiede in der Denkweise
In der Prozessautomatisierung denkt man in Regelkreisen, Streckenverhalten und stationären Betriebspunkten. Werkzeuge sind Reglereinstellung, Kaskaden- und Störgrößenaufschaltung. Dokumentiert wird über R&I-Fließschemata, Ursache-Wirkung-Matrizen und sicherheitstechnische Betrachtungen.
In der Fertigungsautomatisierung denkt man in Schritten, Zuständen und Maschinentakten. Werkzeuge sind Schrittketten, Rezeptverwaltung und koordinierte Bewegungsprofile. Dokumentiert wird über Ablauf- und Zeitdiagramme, Stromlaufpläne und die Risikobeurteilung der Maschine.
Wo sich beides trifft
Viele Betriebe verbinden beides. In der Pharmaproduktion laufen Ansatz und Reaktion prozesstechnisch, Tablettierung und Verpackung dagegen als Stückgutfertigung. In der Lebensmittelproduktion ist es ähnlich: Kochen, Mischen und Gären auf der einen Seite, Abfüllen, Etikettieren und Palettieren auf der anderen.
Wer beide Welten kennt, ist in solchen Betrieben besonders gefragt, weil er die Schnittstelle zwischen ihnen entwerfen kann.
Was das für den Berufsweg bedeutet
Prozessseitig arbeitet man in Chemie, Pharma, Energie, Wasserwirtschaft sowie Öl und Gas. Die Vergütung liegt häufig höher, dafür sind Standorte manchmal abgelegen und es gelten besondere Anforderungen etwa im Explosionsschutz.
In der Fertigungsautomatisierung finden sich Stellen im Fahrzeugbau, in der Elektronik, bei Konsumgütern, in der Verpackung und im allgemeinen Maschinenbau, meist in Ballungsräumen und mit regelmäßigeren Arbeitszeiten.
Beide Wege tragen. Ein Wechsel ist mit entsprechender Einarbeitung möglich, denn Regelungstechnik, Sicherheitstechnik und Projektabwicklung gelten in beiden Bereichen.
Wie entscheiden?
Wer kontinuierliche Prozesse, analoge Regelung und die chemisch-energetische Seite mag, ist in der Prozessautomatisierung richtig. Wer getaktete Fertigung, Robotik und Mechanik bevorzugt, in der Stückgutfertigung. In beiden Fällen tragen dieselben Grundlagen: SPS-Programmierung, Messtechnik und Regelungstechnik.
